Ehrungen für langjährige Partnerschaft Weilburg-Privas durch Werner Richter (r.).
Foto: Werner Röhrig
Unzählige Freundschaften sind entstanden
Städtepartnerschaften sind das Salz in der Suppe zur Völkerverständigung

In diesem Jahr erinnern wir uns, dass 75 Jahre vergangen sind, wo Krieg und zahlreiche Menschheitsverbrechen die Geschichte Deutschlands bestimmten. Das alte Europa ist in zwei Weltkriegen zerbrochen. Der Holocaust – die Shoa an den europäischen Bürgern jüdischen Glaubens – vernichtete eine der Wurzeln europäischer Zivilisation.

Startschuss des europäischen Einigungsprozesses
Mit der Europawoche 2020 jährt sich gleichzeitig zum 70. Mal die Rede des französischen Außenministers Robert Schumann zu einem „Vereinten Europa“, die er am 9. Mai 1950 vorgetragen hat und als Startschuss des europäischen Einigungsprozesses gilt. Seit diesem Zeitpunkt, nur fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, begann das Zusammenwachsen der Staaten Europas und so wurde ein friedliches Zusammenleben der europäischen Völker gesichert. Die großen Persönlichkeiten dieser Entwicklung, unter anderem Alcide de Gasperi in Italien, Robert Schuman in Frankreich, Konrad Adenauer in Deutschland und Paul-Henri Spaak in Belgien traten für die Einheit Europas ein, die sich auf gemeinsame Traditionen der europäischen Geschichte und Philosophie gründete, wenn auch die Abgrenzung gegenüber dem Kommunismus in Osteuropa ein weiterer Grund war.
Der Europarat, am 5. Mai 1949 durch den Vertrag von London gegründet, dem heute 47 Staaten angehören, gab den Impuls für die Städtepartnerschaften. Bereits vorher wurden ab 1947, ausgehend von den britischen Besatzungsbehörden, freundschaftliche Beziehungen zwischen deutschen und britischen Städten aufgenommen, um Völkerverständigung „von unten“ zu ermöglichen. Eine wesentliche Belebung erfolgte aber durch die Zusammenarbeit der Staaten in der Europäischen Union.

Erste Partnerschaft ging Weilburg 1958 mit Privas/Frankreich ein
Auch in Weilburg dachte man über Städtepartnerschaften nach, wenn auch einige Jahre später. Die erste Partnerschaft ging Weilburg 1958 mit Privas/Frankreich ein. Im Mai 2008 wurde das 50-jährige Jubiläum der Städtepartnerschaft zwischen Privas und Weilbug mit einem Festakt gefeiert. Dazu reiste eine Delegation nach Privas.

Danach folgten Tortona, Zevenaar, Käsmark und Colmar Berg
1964 folgte die zweite Partnerschaft mit Tortona/Italien, die jedoch 2008 beendet wurde. Zwei Jahre später, 1966, kam Zevenaar/Niederlande dazu, 1998 folgte Käsmark/Slowakei. Seit 2004 ist Colmar-Berg/Luxemburg mit an Bord. Am 17. November, am 99. Todestag des Großherzogs Adolph, dem ersten Luxemburger Großherzog aus dem Hause Nassau-Weilburg, der in der Fürstengruft in der Schlosskirche in Weilburg beigesetzt ist, fand zunächst die traditionelle Kranzniederlegung an seinem Grab statt. Anschließend wurde die Partnerschaftsurkunde zwischen den beiden Residenzortschaften unterzeichnet.

2006 folgte noch die türkische Stadt Kizilcahamam
Eine weitere Partnerschaft ging Weilburg 2006 mit der türkischen Stadt Kizilcahamam ein. Ein besonderes Ereignis dieser Partnerschaft war der 2 877 Kilometer lange Staffellauf von Weilburg nach Kizilcahamam im September/Oktober 2008. Der vom Spiridon Club Oberlahn organisierte Lauf führte durch Deutschland, Österreich, Ungarn, Rumänien und Bulgarien und die letzten 700 Kilometer durch die Türkei.

2010 kam Quattro-Castella/Italien dazu.
Bereits seit 2002 gibt es eine intakte und aktive Freundschaft zwischen Weilburg und Quattro-Castella. Diese Freundschaft und Partnerschaft beinhaltet geschichtlich-kulturelle und touristische Interessen sowie internationale, wirtschaftliche Zusammenarbeit zum Zwecke eines lokalen Wachstums. Auch gemeinsame soziale Projekte wie Austausche in der Erziehungs- und Jugendarbeit, im Behinderten- und Seniorenbereich bilden eine Grundlage dieser Beziehung.



Im November 2016 veranstalteten aus Anlass des 50-jährigen Jubiläums zwischen Zevenaar und Weilburg die Künstlerkolonie, der Städtepartnerschaftsverein und die Stadt Weilburg ein gemeinsames europäisches Kunstprojekt.
Foto: Sabine Gorenflo

Europa ist in den 75 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen gewachsen.
Während die wirtschaftliche Integration von der Kohle- und Stahlgemeinschaft bis zur Währungsunion stets ein Top-Down-Prozess war, der vor allem die Märkte zusammenbringt, haben Ansätze eines „Europas von unten“ einen fruchtbaren kulturellen Austausch ermöglichet und die Menschen zusammengebracht. Von Anfang bis heute sind das die Städtepartnerschaften. Alle Städte und zum Teil auch Gemeinden des Lahn-Dill-Kreises und des heutigen Landkreises Limburg-Weilburg engagieren sich durch Städtepartnerschaften für Europa. Hinzu kommt, dass durch die Schulpartnerschaften und Schulprogramme der EU schon früh Kontakte zwischen der nachfolgenden Generation in Europa entstehen. Die Schulen in den beiden Kreisen pflegen Schulpartnerschaften und nutzen die europäischen Schulprogramme, früher Comenius, heute Erasmus.

Auch die Europa-Union hat in Weilburg Tradition, 2014 wurde das 60-jährige Bestehen gefeiert.
Unabhängig von Parteizugehörigkeit, Alter und Beruf engagieren sich die Mitglieder für die europäische Einigung. Rund 10 000 Mitglieder der Europa-Union Deutschland sind in 16 Landesverbänden mit rund 300 Kreis-, Orts- und Stadverbänden vernetzt und haben Partnerorganisationen in über 30 Ländern Europas.

Ungezählte Freundschaften zwischen Familien sind entstanden
Seit Gründung der Städtepartnerschaften finden wechselseitig in den Städten offizielle Bürgerbegegnungen und gemeinsame Veranstaltungen von Vereinen, Verbänden und Institutionen statt. Ungezählte Freundschaften zwischen Familien sind entstanden, die sich auch außerhalb der offiziellen Begegnungen treffen. Ein weiteres wesentliches Aktionsfeld der Kommunen und Partnerschaftsvereine stellt auch der Kulturaustausch dar. Gerade die Musik, das Theater und die Bildenden Künste können als Kommunikationsmittel über die Sprache hinaus Gemeinsamkeiten wecken, Vorurteile und Gewalt abbauen und sind ein wichtiges Element des Miteinanders und der gegenseitigen Wertschätzung.



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