Bei einer Malerei wie der des jungen Südtirolers Carl Pfeil fällt schnell das Wort Abstraktion – doch was meinen wir eigentlich damit? Im strengen Wortsinn wäre ein Bild dann abstrakt, wenn es von einem Gegenstand ausgeht und ihn in die Form eines Bildes überträgt, ohne dass er dabei aufhört, als solcher erkennbar zu sein. In der Malerei meinen wir damit oft etwas ganz anderes: ein Sichtbares, das sich von dieser Frage vollständig gelöst hat – kein Bild von etwas, sondern ein Vor-Bild, das noch vor jeder Abbildung liegt. Ein Ideal, das seit Beginn der Moderne etliche Künstler beflügelt hat.
Doch letztlich hinterlässt jeder Pinselstrich auf einer Leinwand eine ganz buchstäbliche Spur, die uns – als Figuration einer Bewegung – zurückführt zur menschlichen Hand, die sie vollzog. So sehr man es auch versucht: Wir haben es bei der Abstraktion aus Sicht des Künstlers mit einer Sisyphusaufgabe zu tun.
Carl Pfeil weiß den Pinselstrich als Botschafter dieser unauflösbaren Verbindung zu würdigen, seinen Ausdruck zu zelebrieren, und positioniert seine Bilder bewusst in der Grauzone zwischen Gestik und Erzählung. Begleitet von existenziellen und lyrischen Herleitungen erzeugen sie einen offenen Raum für Erfahrung. Die Dynamik der Geste, die uns aus ihnen so kraftstrotzend entgegentritt, versteht sich nicht als Stellvertreter, sondern ist ganz bei sich selbst – und doch hinterlässt sie eine Spur, in die wir uns hineinversetzen können, die den inneren Unruhen des Künstlers direkt zu entstammen scheint und die unsere eigene, assoziative Logik unvermittelt in Gang wirft.
Die groben schwarzen Striche auf monochromen Gründen entwickeln sich auf unserer Seite des Erlebnisses zu einem inhaltlichen Konzentrat mit tausend Facetten. Da sind plötzlich Wege, Haken, Ausbuchtungen, Verfransungen, die sich durchdringen wie die Schriftzeichen einer längst vergessenen Sprache. Und immer wieder – als motivische Konstante: Kreuzungen. Mal solche, die wie konstruiert erscheinen, mal solche, die wie zufällig wirken und den Anschein erwecken, als seien sie nicht ohne Widerstände der beteiligten Pinsel entstanden. Da sind Relikte, wie die einer Reise, einer Lebensreise vielleicht; da ist ein ganzes Spektrum einzelner Stimmungen vor dem breit klingenden Hintergrund aus Blau, Rot, Lavendel.
So erleben wir diese Bilder im Zusammenspiel der einzelnen Striche wie im großen Ganzen: Kreuzungen im Sinne von Begegnungen – von dem einen Leben mit einem anderen, vom Inneren und dem Äußeren – und kreuzen uns immer wieder mit unseren eigenen inneren Vorbildern.
Wir freuen uns, Carl Pfeils Neue Vorbilder in einer Einzelausstellung erstmals in unserer Galerie in Molsberg präsentieren zu dürfen.
Text: Julius Tambornino 2026
Eine einzigARTige Ausstellung in Molsberg.
Lass dich inspirieren und fahr mal hin, Lilly
Rosenhang Museum | So., 15.3.2026 bis Mi., 17.6.2026 23:59 Uhr
Die Sonderausstellung „Balanceakte – Mensch, System, Gesellschaft“ vereint drei herausragende künstlerische Positionen: Helge Leiberg, Sigurd Wendland und Jörg Immendorff.
Drei Künstler, drei Blickwinkel – und ein gemeinsames Thema: der Mensch im Spannungsfeld zwischen innerer Welt, gesellschaftlichen Strukturen und politischer Geschichte.