28.08.2026

Eine erfolgreiche Doppellesung im Rahmen des Kultursommer Mittelhessen

„Die Spielerin“ von Isabelle Lehn und „Germafia“ von Sandro Mattioli: Fiktionale und journalistische Literatur stellen mafiose Strukturen in Deutschland dar

V.l.n.r.: Autoren Sandro Mattioli, Isabelle Lehn und Moderator Jörg Braunsdorf. Foto: A. Riva/DIG

Die Wahrnehmung der Mafia in Deutschland ist kontrovers. Vor allem in den sozialen Netzwerken kursieren Bilder von schönen Frauen mit eleganten Mafia-Bossen, die die Mafia insbesondere unter jungen Menschen sehr populär machen. Andererseits wird von engagierten Vereinen immer wieder versucht, über das Thema zu sensibilisieren. Das bestätigte die 1. Vorsitzende der DIG Mittelhessen e.V. Rita Schneider-Cartocci in ihrer Begrüßung auf der Literaturveranstaltung zum Thema der mafiosen Strukturen in Deutschland und Europa, die im Rahmen des Kultursommer Mittelhessen, in Zusammenarbeit mit der Kulturinitiative an Lahn und Dill, vor einem großen Publikum von rund 100 Personen, am Donnerstag, 20. August 2026, in der Stadtbibliothek in Wetzlar stattfand.

Wie kann man sich also mit dem heiklen Thema der Mafia auseinandersetzen, die in Deutschland zwischen der Faszination eines Italienklischees und der Unterschätzung einer auch in den Alltag der Bundesrepublik sich einschleichenden Realität hängen bleibt?

Diese Doppellesung zeigte, dass man an das Thema sowohl fiktional, wie die prämierte Schriftstellerin aus Leipzig Isabelle Lehn mit ihrem Roman „Die Spielerin“ (S. Fischer Verlag), als auch sachpolitisch, wie der Journalist und Vorsitzende des Vereins Mafianeindanke aus Berlin Sandro Mattioli mit „Germafia – Wie die Mafia Deutschland übernimmt“ (Westend Verlag) herangehen kann. Jörg Braunsdorf hob in seiner einsichtsvollen Moderation viele erstaunliche Gemeinsamkeiten und Parallelitäten zwischen den beiden Werken, wie ihre fast zufällige Entstehung, hervor. Denn beide Autoren hatten gar nicht vor, über die Mafia zu schreiben. Isabelle Lehn recherchierte über Machtstrukturen und Frauen für ihr Buch, als sie auf Mattiolis Untersuchung stieß; daraufhin lernten sie sich kennen – was die Veranstaltung zu einem interessanten Wiedersehen machte. Auch in Mattiolis Forschungen für seine journalistischen Berichte ging es zuerst nicht um die Mafia, sondern um die Abfallkriminalität.

Braundorf betonte vor allem zwei Schwerpunkte, die in beiden Büchern thematisiert werden: die Unsichtbarkeit, die Mafia-Menschen charakterisiert, und das Thema der Geldwäsche, denn „nichts ist unnützlicher, als ein Vermögen, das man nicht ausgeben kann“, erklärte Lehn.

Die ausgewählten Passagen zeigten einerseits die fiktive (von wahren Begebenheiten inspirierte) A. von Lehns „Die Spielerin“: eine unauffällige, oft unterschätze, jedoch machthungrige und schlaue Frau, die eine einfache Telefonistin einer Nachrichtenagentur ist, früher aber als Bankerin in Zürich für die kalabrische Mafia gearbeitet hat; andererseits den Ex-‘Ndrangheta-Boss und Kronzeugen Luigi Bonaventura, den Mattioli persönlich kennen gelernt hat: Vor dem Journalist stand ein Familienvater, der jetzt in Ruhe lebt und ihm trotz seiner blutigen Vergangenheit sogar sympathisch war. Wenn man sich mit dem Phänomen der Mafia beschäftigt, komme man mit dem Schwarz-Weiß-Konzept, mit dem Guten und Bösen, nicht weiter, gab der Sandro Mattioli zu.

Ein anderer Kronzeuge, Michele Amandini, wurde von Mattioli als Beispiel für Geldwäsche im Bereich Luxusgüter, Uhren, Drogen im Mailand der Siebziger Jahre erwähnt. In Lehns Roman wird das Geld durch fiktive Leistungen und an Strohmänner bezahlte Gehälter gewaschen, die von A. organisiert werden. Man konnte hier den Bogen zur Frauenrolle in der Mafia spannen. „Die Spielerin“ ist eine Frau in einer Männerwelt, die gerade als Frau keinen Verdacht erregt, da Frauen nicht als Geschäftspartnerinnen gelten. Frauen können aber auch wichtige Funktionen als Vertretung im Mafia-Clan übernehmen und die Entscheidung treffen, ob der Mann zum Kronzeugen wird, ergänzte Mattioli.

Es folgte eine interessante Diskussion mit gezielten Fragen aus dem Publikum, die weitere Aspekte der Anwesenheit der Mafia in Deutschland ans Licht brachte. Hier fließt kein Blut wie in Italien; die Mafia ist aber noch gefährlicher, weil sie sich in die Zivilgesellschaft wie in Sport, Kultur, Medien, Immobilien, Gastronomie usw. einkauft. Die Geldwäsche bringt legale Dienstleistungen auch in den sozialen Bereich und die Finanzwirtschaft profitiert davon, deswegen wird nicht immer ermittelt, auch wenn man kein gutes Gefühl hat. Auch das deutsche Gesetz hilft wenig, da man bei Verdacht auf Geldwäsche nachweisen muss, dass es sich um schmutziges Geld handelt – mit Tätern wie A. von „Die Spielerin“ ist es unmöglich. Was kann die Zivilgesellschaft dann dagegen tun? Sandro Mattioli war leider nicht optimistisch. Seit 2012 ist er Vorsitzender des Antimafia-Vereins Mafianeindanke in Berlin: Einige Initiativen zur Spendensammlung für Antimafia-Organisationen oder zur Sensibilisierung in deutschen Restaurants waren komplett erfolglos. In Deutschland ist die Mafia tatsächlich kein Thema. Man kann trotzdem im eigenen Alltag kleine Schritte unternehmen: sich auf Veranstaltungen informieren, mafia-freie Produkte kaufen, nach Süditalien mit Antimafia-Reiseveranstaltern reisen, Antimafia-Vereine unterstützen. Auf www.mafianeindanke.de findet man viele Anregungen, die den Unterschied machen können.

V.l.n.r.: Rita Schneider-Cartocci (DIG Mittelhessen e.V.), Jörg Braunsdorf (Kulturinitiative Lahn-Dill), Isabelle Lehn, Klaus Tschakert (Kulturinitiative Lahn-Dill), Sandro Mattioli. Foto: A. Riva/DIG
In der Pause konnten die zahlreichen Anwesenden bei einem Glas Wein ins Gespräch kommen und am Büchertisch die Werke beider Autoren kaufen. Foto: A. Riva/DIG

Quelle: http://www.dig-mittelhessen.de


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Veranstaltung

In bilico
Rosenhang Museum | So., 21.6.2026 bis So., 20.9.2026 23:59 Uhr

Die umfangreiche Ausstellung des Künstlers Giuseppe Donnaloia präsentiert eine Reihe vorwiegend neuer Arbeiten in Malerei, Zeichnung und Skulptur.

Schon der Titel der Ausstellung „In bilco“ verweist auf Donnaloias inhaltlich-motivischen Schwerpunkt im Fokus von Mensch und Natur. Dabei kommen in metaphorischen Nuancen mittels Stil, Technik und Thematik meist Sinngehalte zum Tragen, die im Kontext von sensitiven Schwingungen und gesellschaftlichen Reflexionen angesiedelt sind. Auf dieser Meta-Ebene des existenziell Gestalthaften erzeugt Donnaloia Bilder, Zeichnungen und Skulpturen im Spannungsfeld von Figuration und abstrakter Geste. Neben ausgewählten Exponaten des Bilder-Zyklus „Rigeneratione Naturale“ zeigt auch eine Reihe von neuen Aktzeichnungen Donnaloias elementare Expressivität, die ganz im Zeichen der Reflexion über prekäre Gleichgewichte steht. Seine Bilder beanspruchen nicht selten kontemplative Züge, indem sie das sehnsuchtsvolle Abtauchen in die von Menschen dominierte Gefühlswelt veranschaulichen. Jedoch sind sie gleichermaßen zu lesen als ein sich aufbäumender Kraftakt, der mit den Instrumenten des Künstlers gegen die definitive Machtübernahme maschineller Rationalität ansteuert.

Donnaloia, 1967 in Duisburg geboren, erhielt seine künstlerische Ausbildung in Florenz und Monopoli, bildete sich anschließend in Köln zum Bronzegießer sowie zum Steinmetz und Steinbildhauer aus und lebt und arbeitet heute in Calci bei Pisa. Als Maler, Bildhauer und Restaurator verbindet er traditionelles künstlerisches Handwerk mit einer zeitgenössischen Formensprache. Seine Arbeiten zeichnen sich durch eine intensive Auseinandersetzung mit Material, Struktur und Wahrnehmung aus und bewegen sich zwischen handwerklicher Präzision, bildhauerischer Kraft und malerischer Eigenständigkeit. Seit 2022 lehrt Giuseppe Donnaloia zudem Bildhauerei an der Accademia di Belle Arti di Lecce.

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